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24. Türchen (Adventskalender)
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- Veröffentlicht: Mittwoch, 24. Dezember 2025 00:00
24. Türchen: Das vergessene Geschenk
Der Schnee fiel dicht und lautlos, und das kleine Dorf lag da, als hätte es jemand in Watte gehüllt. Aus den Schornsteinen stieg Rauch, der sich in der kalten Luft verlor. Im letzten Haus am Ende der Lindenallee brannte ein einsames Licht. Dort saß Herr Albrecht, ein alter Mann mit grauem Haar und müden Augen, am Fenster und blickte hinaus in die weiße Nacht.
Seit Jahren verbrachte er den Heiligabend allein. Früher hatte das Haus an diesen Tagen gelebt, sei es mit Stimmen, mit Lachen oder mit Musik. Doch die Zeit hatte vieles fortgetragen, und was blieb, war Stille. Auf dem kleinen Tisch vor ihm stand eine Schachtel, sorgfältig eingewickelt in Papier, das längst vergilbt war. Ein verblasstes Etikett trug die Aufschrift:
„Nicht öffnen vor Weihnachten 1957.“
Herr Albrecht hatte das Päckchen am Morgen auf dem Dachboden gefunden, hinter alten Reisekoffern, eingehüllt in Staub und Erinnerung. Er wusste nicht recht, weshalb ihn der Anblick so berührt hatte, vielleicht, weil in diesen Schriftzügen etwas lag, etwas, das ihn an eine Zeit erinnerte, in der die Welt noch weit und offen gewesen war. Er setzte sich, zog die Brille zurecht und löste mit vorsichtigen Fingern das Band. Das Papier zerriss leise. Darin lag ein kleiner, hölzerner Schlitten, liebevoll bemalt, und daneben ein Zettel, vergilbt, doch gut lesbar:
„Für Papa, von Mariella. Damit du wieder lächelst zu Weihnachten.“
Herr Albrecht schloss die Augen. Mariella. Seine Tochter. Wie klein sie gewesen war, damals, als sie mit seiner Frau das Haus verließ. Er hatte zu viel gearbeitet, zu wenig gehört, zu spät verstanden. Und als er sich endlich auf den Weg gemacht hatte, um sie zurückzuholen, war es zu spät gewesen. Der Unfall hatte ihm beide genommen, erst die Mutter im Winter, dann das Kind im Frühjahr. Seitdem war er geblieben, wie das Haus selbst: alt, still und voll von Dingen, die man nicht mehr benutzt, aber nicht fortwerfen kann.
Er hob den kleinen Schlitten an. Das Holz war glatt und kühl. Einen Augenblick lang meinte er, Mariellas Kichern zu hören, irgendwo im Flur, als renne sie gleich herein, die Wangen rot vom Schnee. Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Draußen stand Heidi, die Tochter der Nachbarn, mit einer Mütze tief über die Ohren gezogen, sodass nur einzelne goldene Haarsträhnen herausschauten.
„Guten Abend, Herr Albrecht. Mutter schickt mich, sie hat zu viel Eintopf gekocht. Ob Sie ein wenig mögen?“
Herr Albrecht nickte. Seine Stimme schwand, als er antwortete:
„Das ist sehr lieb, Heidi. Komm doch kurz herein, der Wind schneidet einem ja das Gesicht ab.“
Das Mädchen trat ein, stellte den dampfenden Topf auf den Tisch und blickte neugierig auf den kleinen Schlitten.
„Der ist schön. Haben Sie den gebaut?“
„Nein,“ sagte Albrecht leise, „der wurde mir geschenkt. Vor langer Zeit.“
Heidi schwieg, als spürte sie, dass hier etwas hing, das man nicht mit Worten anfassen durfte. Nach einer Weile nahm sie ihre Mütze ab.
„Mutter sagt, niemand soll an Weihnachten allein sein. Wollen Sie morgen zu uns kommen? Wir stellen einen großen Baum auf. Ich darf ihn schmücken.“
Herr Albrecht lächelte, aber nur zaghaft, als müsste er es erst wieder lernen.
„Das wäre mir eine Freude.“
Das Mädchen nickte, und bevor sie hinausging, sah sie noch einmal sehnsüchtig zu dem Schlitten hinüber.
„Dann bis morgen, Herr Albrecht.“
Als die Tür sich hinter ihr schloss, blieb Herr Albrecht noch lange sitzen. Draußen tanzte der Schnee im Licht der Straßenlaterne, und irgendwo in der Ferne schlug eine Kirchturmuhr. Er stellte den kleinen Schlitten auf die Fensterbank, so dass das Mondlicht darauf fiel.
Dann hauchte er ein leises „Danke“, ob zu Gott, zu Mariella oder zu sich selbst, wusste er nicht. Und während draußen die Nacht still und weiß dalag, war das alte Haus in der Lindenallee zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder warm. 
Autorin: Antonia Dimitriou, Jg. 13
Bilddruck: Aaliyah Noll, Jg. 5




